Koinos Magazine #50 (2006/2)
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Liebe ist stärker als dumme Macht

Die Zukunft der Jungenliebe

Dik Brummel

Wie wird es in fünfzig Jahren um die Jungenliebe bestellt sein? Als Sexualreformer interessiert mich diese Frage natürlich, und sei es nur, weil alle Fragen, die mit der Liebe zu tun haben, mich interessieren. Zu den Aufgaben der Sexualreform gehört es unter anderem, die Lust aus den Fesseln der Angst und des Hasses, in denen sie von jeher liegt, zu befreien. Die Sexualreform ist jetzt ungefähr zweihundert Jahre alt und hat in dieser Zeit fünf Höhepunkte erlebt (um 1800, 1850, 1880, 1930 und 1970). Jede dieser 'sexuellen Revolutionen' wurde von einer Zeit der Reaktion gefolgt. Die Sexualreform wurde auch in vergleichsweise guten Zeiten verdächtigt, sogar von Stimmungsmachern oder Vertretern innerhalb des Neomalthusianischen Bundes (der von 1881 bis 1941 in den Niederlanden eine Vielzahl von Beratungsstellen zur Geburtenkontrolle verwaltete, Red.) und innerhalb der Nachfolgerin des Bundes, der Niederländischen Vereinigung für Sexuelle Reformen. Wie auch von anderen Vereinen, die auf einem Teilgebiet des Sexuellen aktiv sind.

Das Sexuelle ist die Grundlage von allem, und ein Eingriff darin wird als massive Bedrohung empfunden. Das Endziel der Sexualreform ist die Auflösung der sexuellen Struktur. Es geht nicht nur um die Befreiung der Lust, sondern letztendlich auch um die Beseitigung des geschlechtlichen Unterschieds, die Beherrschung der Fortpflanzung und die Abschaffung der Familie als Stütze der Gesellschaft. Jedes Mal, wenn man einen Schritt vorwärts macht und sich dann bewusst wird, was die Folgen sein werden, wenn man den eingeschlagenen Kurs beibehält, tritt eine starke Reaktion ein. Die Sexualreform ist dann so bedrohlich, dass der Glaube an die Sexualreform verschwindet und durch Abneigung und Verachtung ersetzt wird. Die sexualfeindlichen Tendenzen, die sich daraufhin in der Erziehung offenbaren, rufen bei der folgenden Generation dann wieder zwangsläufig den Wunsch nach Befreiung hervor.
Ob dem eine große soziale Katastrophe oder ein Krieg vorausgehen muss, lässt sich im Voraus nicht sagen. Der große Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft ist der, dass die Vergangenheit zu 100 Prozent determiniert ist, die Zukunft aber nur zu 99 Prozent. Dieses eine Prozent ist das Unerwartete, der Zufall. Ein einziger Mensch, vielleicht gerade eben geboren, kann bereits einen so großen Unterschied machen, dass in fünfzig Jahren alles wieder viel besser aussieht.

Ich bin also optimistisch. Seit unsere Vorfahren von den Bäumen herabgeklettert sind und aufrecht gehend das freie Feld gewählt haben, haben wir Fortschritte gemacht, trotz Rückschlägen und trotz alles erdenklichen Bösen. Und wir werden weiterhin Fortschritte machen, auch wenn es manchmal mit zwei Schritten vorwärts und drei rückwärts geht. Vernunft und Liebe sind keine starken Kräfte im Vergleich zu Dummheit, Macht und Gewalt, aber am Ende werden sie dennoch siegen. Meine Prophezeiung lautet daher, dass in fünfzig Jahren die Jungenliebe wahrscheinlich ganz frei sein wird. Ich stütze mich dabei auf meine Kenntnisse der Geschichte und der menschlichen Natur. Veränderungen gehen Schritt für Schritt vor sich, durch Erweiterung der bestehenden Strukturen und Funktionen. Immer neue Gruppierungen schließen sich der vorherrschenden Macht an. Die müssen ausreichend angepasst sein, um überhaupt mitmachen zu dürfen.
Der 'Homoismus' hat diesen Prozess in den Niederlanden erfolgreich absolviert. Am 1. April 2006 hat er ausgiebig den fünften Geburtstag der Schwulenehe gefeiert. Die nächste Gruppierung, die für eine ähnliche Einbürgerung in Betracht kommt, sind die Ephebophilen. Ihre Vertreter ('Ephebophilisten') werden sich genauso wie die Sprachrohre des Homoismus von heute gegenüber Pädophilen, Blutschändern und sonstigem Abschaum sowie gegenüber 'ungezügeltem Sex' im Allgemeinen absetzen. Sie werden betonen, dass ein Boylover (Jungenliebhaber) etwas ganz anderes ist als ein Loverboy (Jugendlicher, der mit einem Mädchen anbändelt, um es anschließend zur Prostitution zu zwingen), und dass es sich bei der Jungenliebe um vollwertige und wertvolle menschliche Beziehungen handelt. Die unvermeidliche Emanzipation der Jugendlichen (die Altersgrenze für die Wahlberechtigung wird in fünfzig Jahren voraussichtlich bei 16 Jahren liegen, und gleichzeitig wird die Altersgrenze für sexuelle Kontakte aus freiem Willen auf 14 oder sogar 12 Jahre herabgesetzt werden) wird die Akzeptanz der Jungenliebe sehr fördern.

Daher meine Prophezeiung, dass in einem halben Jahrhundert die Jungenliebe wahrscheinlich ganz frei sein wird. Die Sexualreform wird dann noch lange nicht abgeschlossen sein, aber das ist eine andere Geschichte.

PS: Bekanntermaßen hat eine Prophezeiung immer nur einen bestimmten Wahrscheinlichkeitsgrad. Meine hat einen Wahrscheinlichkeitsgrad von 99 Prozent. Jenes 1 Prozent Ungewissheit macht, dass es anders kommen kann.

Dik Brummel ist Vorsitzende der Niederländische Vereiniging für Sexualreform (NVSH)