KOINOS MAGAZINE #26 (2000/2)
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Sex im Jugendalter unter Beschuss

Die Niederlande rütteln an der sexuellen Selbstbestimmung

Marc van Bijsterveldt

 

Nach dem niederländischen Gesetz ist Sex mit Zwölf- bis Sechzehnjährigen zwar verboten, doch die Justiz darf sich nur einschalten, wenn von dem betreffenden Jugendlichen selbst oder von seinen Eltern eine Klage eingereicht wird. Diese Regelung wird jetzt, da die niederländische Regierung strenge Maßnahmen gegen den sexuellen Missbrauch angekündigt hat, in Frage gestellt. Sexualreformer und Homosexuelle protestieren, aber das findet kaum Gehör.

In letzter Zeit wird auch in den verhältnismäßig liberalen Niederlanden heftig über so genannte Sittlichkeitsverbrechen diskutiert. Die öffentliche Empörung über diejenigen, die im Volksmund ‘Pädosexuelle’ genannt werden, ist durch einige Fälle von Kindsmord angeheizt worden. In der Öffentlichkeit tönt der Ruf nach schonungslosem Vorgehen gegen ‘Sittenstrolche’ immer lauter. Man fordert chemische Kastration, lebenslängliche Therapie und die Veröffentlichung persönlicher Daten von ‘Sexualverbrechern’. Politiker haben sich geschickt auf den Volkszorn eingestellt und fordern die niederländische Regierung auf, rigorose Maßnahmen zu ergreifen.

In diesem Klima schrieb Justizminister Benk Korthals letztes Jahr die Note Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von und der sexuellen Gewalt gegen Kinder. Damit löste er ein gemeinsames Versprechen der europäischen Regierungen ein, wonach eine neue Politik gegen den Missbrauch verfolgt werden soll. Dieses Versprechen war auf dem Weltkongress gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern im August 1996 in der schwedischen Hauptstadt Stockholm gegeben worden.

1996 steckte Europa mitten in der Krise um den belgischen Kindesentführer Marc Dutroux. Auch damals schlug die öffentliche Empörung auf dem Kontinent hohe Wellen. Es herrschte anscheinend die Ansicht, dass die sexuelle Revolution über das Ziel hinausgeschossen sei, dass man jetzt erst erkenne, wohin die Alles-soll-erlaubt-sein-Mentalität führt. An diesem Jetzt-reicht's!-Klima hat sich seit 1996 kaum etwas geändert und man bekommt es an manchen Stellen in der Note der niederländischen Regierung zu spüren. Das zeigt sich deutlich in der Wortwahl: Da werden hauptsächlich Maßnahmen wie Kontrollieren, Einschreiten, Bestrafen und Therapieren erwähnt.

Die Note über den Missbrauch ist in Bezug auf Definitionen ungenau. So werden bereits auf der ersten Seite unterschiedliche Sachen wie Inzest, sexuelle Belästigung und kommerzielle Ausbeutung in einen Topf geworfen, was nicht gerade zur besseren Übersicht beiträgt. Die niederländische Regierung verweist auf die UN-Texte über die Rechte des Kindes, in denen vom Schutz der Jugend vor ‘illegalen sexuellen Aktivitäten’ die Rede ist. Aber damit entscheidet man sich für eine ziemlich willkürliche Abgrenzung. Denn auch in den Niederlanden waren bestimmte homosexuelle Aktivitäten bis 1971 noch illegal, nach dem berüchtigten Paragraphen 248b, der homosexuelle Kontakte von Volljährigen mit Minderjährigen unter 21 Jahren untersagte. Es gibt heute praktisch kaum noch jemand, für den das ‘illegal’ wäre.

 ‘Kinder’

Nach dem Gesetz gilt in den Niederlanden jeder bis achtzehn als minderjährig, aber andererseits räumen das Gesetz und die Gesellschaft dieser Gruppe von bestimmten Altersstufen an verschiedene Rechte ein. So steht es Minderjährigen ab sechzehn frei, sexuelle Kontakte herzustellen, ausgenommen solche gegen Bezahlung. Ab zwölf Jahren haben sie bei der Entscheidung ihrer Eltern über eine ärztliche Behandlung ein Mitspracherecht. Und ab sechzehn Jahren können sie zum Beispiel ein eigenes Geschäft aufmachen oder ein Testament aufsetzen lassen. Interessant ist außerdem, dass die niederländische Regierung - gegen den internationalen Druck - auf ihrem Standpunkt beharrt, dass Siebzehnjährige in die Armee aufgenommen werden können. Daher haben die Niederlande immer noch ‘Kindersoldaten’.

In der jetzt veröffentlichten Note über den sexuellen Missbrauch werden alle Minderjährigen schlichtweg als ‘Kinder’ bezeichnet, und ‘Kinder’ gilt es zu schützen. Daraus könnte man als Andeutung herauslesen, dass die Regierung ein absolutes Verbot von sexuellen Handlungen von und mit Personen unter achtzehn Jahren anstrebe. Mit einem solchen Verbot würden sich die Niederlande an beispielsweise die Türkei (für den Vaginal- und Analkontakt) oder England und Wales (für homosexuelle Kontakte) anpassen. In den meisten europäischen Ländern gelten absolute Altersgrenzen von vierzehn Jahren (Deutschland und Italien) oder fünfzehn Jahren (Frankreich und Schweden).

Insbesondere die Andeutung einer Heraufsetzung der Altersgrenze hat der Niederländische Verein zur Integration von Homosexualität (bekannt unter dem Kürzel COC) und die Niederländische Vereinigung für Sexuelle Reform (NVSH) zur Feder greifen lassen. Beide Organisationen haben einen ausführlichen Kommentar zu der Regierungsnote verfasst. Der Kern ihres Plädoyers lässt sich in einer Empfehlung aus dem Artikel des COC zusammenfassen: Betrachten wir Kinder und Jugendliche als mündige Bürger in der Entwicklung und nicht ausschließlich als willenlos gefährdete potenzielle Opfer des Missbrauchs.

Mit ihrem Plädoyer betonen NVSH und COC, dass das Gleichgewicht zwischen Schutz und Selbstbestimmung auf dem Gebiet der Sexualität gestört ist. Und gerade dieses Gleichgewicht schien in der niederländischen Sittlichkeitsgesetzgebung durch das so genannte Klageerfordernis seit 1991 einigermaßen gewährleistet. Sexuelle Kontakte von und mit Zwölf- bis Sechzehnjährigen waren auf Grund dieser Bestimmung im Prinzip nach wie vor strafbar, aber die Justiz darf erst verfolgen, wenn der Jugendliche selbst (oder sein gesetzlicher Vertreter) eine Klage einreicht. Damit wurde bezweckt, dass sich die Sittenpolizei nicht mit freiwilligen sexuellen Kontakten befassen würde. Die sollte ausschließlich einschreiten, wenn der sexuelle Kontakt deutlich nicht erwünscht ist.

 Selbstbestimmung

Gegner des Klageerfordernisses haben immer behauptet, dass diese Bestimmung die Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs erschwere. Sie begünstige vor allem die Selbstbestimmung von Erwachsenen, die Sex mit Jugendlichen haben möchten; Zwölf- bis Sechzehnjährigen seien gewissermaßen vogelfrei. Die Forderung nach Aufhebung dieser Bestimmung hat jetzt, unter Einwirkung der gesellschaftlichen Panik wegen des Missbrauchs von Kindern, bei der niederländischen Regierung Gehör gefunden. In der Note des Justizministers wird durch das Klageerfordernis einen Strich gemacht.

1998 hat das Verwey-Jonker-Institut die Zweckmäßigkeit der Bestimmung untersucht. In der Studie kommen nicht nur die so genannten Sachverständigen zu Wort, sondern auch die Beteiligten, für die das Gesetz erlassen wurde. Aus den Gesprächen mit Schülern zwischen zwölf und sechzehn Jahren schließen die Forscher, dass Jugendliche es für wesentlich halten, dass sie selbst über ihr Tun und Lassen auf sexuellem Gebiet entscheiden können. Auch diejenigen, die für ihr Empfinden für Sex noch nicht reif sind, legen Wert darauf, zu gegebener Zeit selbst zu entscheiden, dass sie so weit sind, und wollen dann selbst bestimmen können, wie sie ihre sexuellen Wünsche gestalten.

Es fällt auf, dass Jugendliche auch an dieser Ansicht festhalten, wenn ein großer Altersunterschied zum Partner bestehen sollte. Die Jugendlichen geben zu erkennen, dass sie einen Unterschied von zehn Jahren zwar nicht ideal finden, dass sie aber auch in dem Fall selbst bestimmen wollen, was sie tun oder nicht tun. Selbst im Fall eines Altersunterschieds von fünfundzwanzig Jahren bestehen Jugendliche auf dem Selbstbestimmungsprinzip. Allerdings löste es in den Gruppengesprächen, in denen diese Möglichkeit aufs Tapet gebracht wurde, recht viel Empörung aus. ‘Das riecht nach Pädophilie’, so einer der Schüler zusammenfassend.

Jugendliche von zwölf und dreizehn hatten die stärksten Bedenken. Diese Altersgruppe neigte eher dazu, dass bestimmte ‘weitreichende sexuelle Handlungen’, wie der Geschlechtsverkehr, vielleicht verboten sein sollten. Aber auch die Jüngsten entschieden sich am Ende für den Grundsatz, dass die Jugendlichen selbst zu bestimmen haben, was geht und was nicht.

Es ist nicht erstaunlich, dass die befragten Jugendlichen das Klageerfordernis für eine gute Regelung halten. Bemerkenswert ist, dass die Forscher trotzdem für eine Aufhebung dieser Bestimmung plädieren. NVSH und COC haben ihr Erstaunen über diese Schlussfolgerung geäußert und stellen in ihrem Kommentar zu der Regierungsnote über den Missbrauch vor allem die Ergebnisse der Gespräche mit Schülern in den Vordergrund. Denn die unterstreichen das Interesse, das Jugendliche an einer positiven Einstellung von Eltern und anderen Erziehern gegenüber Sexualität in der Jugend haben. ‘Behutsames Entmutigen’ - oft noch bezeichnend für die Sexualerziehung - sollte durch ‘behutsames Ermutigen’ ersetzt werden, meinen die Organisationen.

Dieses Plädoyer scheint aber kaum Gehör zu finden. Das Parlament hatte NVSH und COC zu einer Anhörung über die Regierungsnote eingeladen. Aber von ihren Kommentaren zu dem gestörten Gleichgewicht zwischen Schutz und Selbstbestimmung fanden die niederländischen Zeitungsleser kein Wort in den Berichten über dieses Treffen. Die anwesenden Journalisten schrieben ausschließlich über eine neue Gefahr, die von Sachverständigen auf dem Gebiet des Missbrauchs bei dieser Gelegenheit herausgestellt wurde: der jugendliche Sexualverbrecher. Die Verbindung von Jugend und Sex ist offenbar nur noch interessant, wenn sie eine gewalttätige Komponente hat. Obwohl die Parlamentarier zu dem, was COC und NVSH zu diesem Thema beisteuerten, manchmal zustimmend nickten, überwiegt bei ihren öffentlichen Auftritten inzwischen wieder die Besorgnis um die Opfer von ‘Sittentätern’.



Kinderen, jongeren en seksualiteit: veiligheid, vrijheid, vorming
NVSH-Kommentar, Januar 2000.